12.06.2026
Revitalisierungen in La Punt Chamues – eine neue Landschaft entsteht
Revitalisierungen sollen natürliche Prozesse in Gang setzen und schaffen die Grundlage für eine eigendynamische
Entwicklung. Bei der geplanten Revitalisierung von Inn und Chamuerabach in La Punt
im Engadin wird die Talebene grossräumig umgestaltet und neu organisiert.
Von Flurina Durisch und Marit Richter, Mitglied ffu-pee, aus forum 1-2026

Vom Kanal zum Flussraum
Sind Fliessgewässer begradigt, verbaut oder vom Geschiebetransport abgekoppelt, können die natürlichen Prozesse nicht mehr selbstständig ablaufen. Die dadurch entstandenen Defizite beheben sich nicht von alleine. Es braucht den Eingriff des Menschen, um die Prozesse wieder in Gang zu setzen und zum Beispiel den Hochwasserschutz zu erhalten und die Ökologie zu verbessern.
Flussrevitalisierungen setzen dort an, wo die natürlichen Prozesse in komplexen Gewässersystemen wiederhergestellt oder verbessert werden sollen. Künstliche Systeme können wieder einem natürlichen Zustand entgegengeführt werden, indem Raum geschaffen, Seitenarme angebunden, die Vernetzung verbessert und der Sedimenthaushalt soweit möglich berücksichtigt werden, ohne dabei Anforderungen an die Sicherheit und Infrastruktur zu vernachlässigen. Dabei werden stets zwei Zeithorizonte betrachtet: Kurzfristige, temporäre Belastungen durch die Bautätigkeit stehen dabei einem langfristigen Ziel der Erhöhung der Dynamik, Biodiversität und Lebensraumqualität gegenüber.
Grossräumige Revitalisierung in La Punt Chamues-ch
Im Oberengadin wurde der Inn um 1870 kanalisiert und begradigt. Zwischen Celerina und Zuoz wurden in den letzten Jahren zahlreiche Revitalisierungen umgesetzt. Das Projekt in La Punt Chamues-ch knüpft direkt an die bereits umgesetzte Revitalisierung in Bever an und sieht eine grossräumige Umgestaltung der Talebene zwischen Bever und La Punt Chamues-ch vor. Dabei wird nicht nur ein Gewässerabschnitt umgebaut, sondern ein ganzer Landschaftsraum neu organisiert. Der Kern des Projekts ist die Verlegung des heute geradlinigen, kanalisierten Inn in seinen alten Bachlauf. Ebenso sollen der Chamuerabach sowie mehrere Binnengewässer aus den kanalisierten Verläufen befreit und revitalisiert werden. Insgesamt sind rund sieben Kilometer Fliessgewässer von Aufwertungsmassnahmen betroffen. Es handelt sich dabei nicht um punktuelle Verbesserungen, sondern um eine räumliche Vernetzung, in der die Aue, Fliess- und Stillgewässer ganzheitlich betrachtet werden. Ein zentrales Projektziel ist die Reaktivierung sowie Wiederanbindung der heute fragmentierten Aue von nationaler Bedeutung an die Auendynamik. Damit werden Voraussetzungen geschaffen, die wiederum jene Prozesse ermöglichen, die strukturreiche Lebensräume hervorbringen.
Damit der Inn, Chamuerabach und die Binnengewässer Raum erhalten, wird die dicht genutzte Talebene umgestaltet. Vorgesehen sind Verlegungen der Kantonsstrasse und der Rhätischen
Bahn sowie weiterer Infrastrukturen wie Langsamverkehrswege, die Abwasserleitung, Werkmedien und ein Hochspannungsmast.
Warum Nichtstun keine neutrale Option ist
Die ökologische und landschaftliche Wirkung des Projekts wird als sehr bedeutsam und einzigartig beurteilt. Der Ausgangszustand weist verschiedene Defizite mit Handlungsbedarf auf (Hochwasserschutz, baulicher Zustand der Verbauungen, ökologische Defizite). Entsprechend wird das Unterlassen von Massnahmen nicht als neutrale Alternative eingeschätzt. Ohne Eingriffe würde sich die Situation langfristig weiter verschlechtern und das Lebensraumangebot würde sich verringern. Bauliche Eingriffe sind daher unumgänglich, um langfristig einen Mehrwert und substanzielle sowie nachhaltige Aufwertungen z Massnahmenübersicht der Revitalisierungen in La Punt Chamues-ch u erreichen.
Die dafür erforderlichen temporären Eingriffe werden nicht als dauerhafte Gestaltung konzipiert, sondern als Grundlage für eine eigendynamische Entwicklung der Gewässer.

Ausgangszustand der Talebene zwischen La Punt Chamues-ch und Bever mit dem kanalisierten Inn (Blick flussaufwärts)

Visualisierung des möglichen Zielzustands einige Jahre nach der Revitalisierung mit Blick flussaufwärts
Akzeptanz durch Partizipation und Information
Verschiedene Interessens- und Nutzungsgruppen sowie die Bevölkerung von La Punt Chamues-ch und Bever wurden im Rahmen der partizipativen Projektentwicklung regelmässig einbezogen.
Dies führte zu einer breiten Unterstützung und schuf die Bereitschaft, negative Einflüsse und veränderte Umstände
während der Bauzeit zu akzeptieren, da die positiven Auswirkungen zukünftig im Vordergrund stehen werden. Die erwartete Attraktivitätssteigerung der Landschaft sowie bessere Möglichkeiten für Naherholung und Tourismus erhöhen die Akzeptanz in der breiten Bevölkerung.
Die Stimmbevölkerung der Gemeinde La Punt Chamues-ch hat im Dezember 2025 einstimmig und ohne Enthaltungen für das Projekt gestimmt. Der Baustart ist aktuell für das Jahr 2027 vorgesehen. Während der rund siebenjährigen Bauzeit wird sich die Talebene sukzessive verändern, und eine neue Landschaft wird entstehen.
La Punt Chamues-ch zeigt exemplarisch, dass eine Revitalisierung in stark genutzten Alpentälern nicht als punktuelle Massnahme verstanden werden kann. Sie ist ein grossräumiges Vorhaben, das Flussläufe, Auen, Nutzungen und Infrastrukturen gemeinsam neu ordnet. Der menschliche Eingriff ist dabei ein unumgängliches Mittel, um – mit dem Fortbestand der bestehenden Nutzungen – verlorene Prozessräume wiederherzustellen und
eine Entwicklung anzustossen, die langfristig von natürlicher Dynamik geprägt sein soll.